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IHK-Lehrgang "Fachwirte im Gesundheits- und Sozialwesen"

5 Stunden Unterricht „Projekt Management“

Es ist Freitag, der 5.6.2015. Brückentag. Die Sonne scheint mit 32 Grad im Schatten. Wer hat da schon Lust auf Unterricht? Der Unterricht soll um 16:30 Uhr beginnen. Es ist 16:15 Uhr, niemand da, nur ich, der Dozent. Ich rechne mit dem Schlimmsten: Keine(r) kommt.

Dabei freue ich mich schon auf den Unterricht. Den WGL02 kenne ich als „Diagonal-Kurs“. Warum ich ihn so nenne? Weil die TeilnehmerInnen sich über die drei Tischreihen diagonal verteilt haben: In der ersten Reihe sitzen vier vorne rechts, in der zweiten Reihe drei in der Mitte, in der dritten Reihe drei hinten links. Und da sich die Sitzordnung während eines Lehrgangs bekanntlich nicht verändert, bleibt der WGL02 mein „Diagonal-Kurs“.


Mein „Diagonal-Kurs WGL02“

Angefangen hat der Lehrgang vor 1,5 Jahren mit 24 TeilnehmerInnen. Jetzt sind es „nur“ noch 20. So ein Lehrgang ist unheimlich anstrengend, denn er ist berufsbegleitend. Viel eigene Freizeit muss investiert werden, weil man sehr oft am Freitagabend und auch noch am Samstag Unterricht hat. Natürlich leiden zusätzlich die Familien und die Freunde unter dieser Abwesenheit. Je länger der Lehrgang dauert, umso mehr springen ab und beenden die Weiterbildung, die sie  in der Regel freiwillig besuchen. Es nehmen mit der Zeit auch immer weniger TeilnehmerInnen am Unterricht teil. Aber der Endspurt naht, denn im Oktober ist die schriftliche Prüfung. „Wir haben noch sieben Mal Unterricht“ berichten mir die ersten TeilnehmerInnen, die jetzt kurz vor knapp doch noch eintrudeln. „Dann haben wir es endlich geschafft“ lautet unisono die Meinung. „Wenn wir denn die Prüfung bestehen“ wird offen von vielen als Befürchtung geäußert.

Apropos Prüfung: „Ich möchte, dass sie heute einen Test schreiben“ eröffne ich pünktlich den Unterricht, „denn ich möchte mit Ihnen den Ernstfall üben“. Eine Teilnehmerin verlässt umgehend den Raum – fluchtartig wie mir scheint. Die anderen aber wollen den Test schreiben. Wir simulieren folgende Aufgabe: „Ihr Vorgesetzter übergibt Ihnen die Projektleitung für die „Einführung von Case-Management“ in der Klinik, in der Sie arbeiten“. Nach Verteilung der Aufgabe herrscht 45 Minuten konzentrierte Ruhe. Es wird mehr oder weniger geschrieben, zwei Nachzügler treffen auch noch ein.

Nach den 45 Minuten gehen wir gemeinsam den Test durch:

  • Welche Informationen aus der Aufgabenstellung sind wichtig und warum?
  • Welches Ziel haben die TeilnehmerInnen für das Projekt formuliert?
  • Wie sieht ein grober Zeitplan für das Projekt aus und welche Aufgaben sind in den vier Projekt-Phasen jeweils wichtig?
  • Welche Projekt-MitarbeiterInnen fordern Sie bei Ihrem Auftraggeber an und warum? Welche Anforderungen haben Sie an diese MitarbeiterInnen?

Ein(e) Freiwillige(r) stellt ihr/sein Ergebnis vor. Wir besprechen, was an der Antwort richtig ist und was falsch. Wir ergänzen die Antwort durch die Lösungen, die andere Teilnehmer gefunden haben. Die Beteiligung ist heute sehr aktiv, viele Meinungen werden geäußert und viele Diskussionen werden geführt. Das ist Klasse und macht Spaß!

Viel wichtiger als „richtig“ oder „falsch“ sind mir aber andere Themen, die durch die Diskussionen angesprochen werden:

  • Wie kann ich mich auf die schriftliche Prüfung emotional vorbereiten?
  • Was kommt auf mich in den fünf Stunden an jedem der beiden Prüfungstage zu? „Was, 11 Aufgaben in fünf Stunden!?“ erschrecken mache Teilnehmer über den Umfang. Wir sprechen darüber, wie man eine solche Prüfung angehen kann, wie man sich die Zeit ungefähr einteilt. „Haben Sie eine Strategie für die Prüfung“ frage ich in den Raum. „Augen zu und durch!“ lautet die spontane Antwort einer Teilnehmerin.
  • „Müssen wir die Aufgaben in der vorgegebenen Reihenfolge bearbeiten?“ und „Was mache ich, wenn ich eine Aufgabe gar nicht verstehe?“ Viele Fragen, auf die ich gerne eingehe. Mein Ziel ist, Ihnen die Sorgen zu nehmen und sie besser vorzubereiten. „Respekt vor der Prüfung ist gut, Angst ist unnötig.“ Versuche ich zu vermitteln.
  • „In den Prüfungsbeispielen sind die Antworten in einer Tabelle aufgeführt. Muss ich auch eine Tabelle anfertigen?“ „Nein“ lautet meine Antwort, „der Inhalt ist wichtiger als die Form“ rate ich.
  • „Es gibt nicht nur eine richtige Antwort!“ gebe ich den Damen und Herren mit auf den Weg, „Wichtig ist, dass Sie Ihre Antwort begründen können.“

Ich habe den Eindruck, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach diesen 90 Minuten viel besser auf die Prüfung vorbereitet sind als vorher. Auf mein Nachfragen wird mir mein Eindruck bestätigt. Ein guter Moment zur Überleitung auf den zweiten Teil dieses letzten Unterrichtstages: „Ein praktisches Beispiel für ein lessons learned“. Wir wechseln den Raum und gehen in ein Zimmer, in dem ich einen Stuhlkreis mit Stellwänden vorbereitetet habe. Ich bitte die TeilnehmerInnen um ein Feedback zu meinem Unterricht. Drei indirekte Fragen habe ich vorbereitet:

  1. „Das hat mir am Unterricht am meisten gefallen!“
  2. „Das müsste am Unterricht unbedingt verbessert werden!“
  3. „Was ich schon immer mal sagen wollte!“


Ein Teil des Feedback zu mir und meinem Unterricht

Eine -  natürlich subjektive – Auswahl aus dem Feedback:

am meisten gefallen: „Diskussionen“, „praxisbezogene Fälle“, „verständliche Skripte“, „sehr strukturiert“, „Idee, unsere Weiterbildung als Projekt aufzusetzen, ist grundsätzlich gut“
unbedingt verbessern: „Weiterbildung als Projekt zu komplex“, „noch intensivere Aufklärung über die Ordnungsprinzipien der Skripte“
immer mal sagen: „Sehr angenehmer Dozent“, „Ausstattung mit Unterlagen vorbildlich J“, „Sehr kompetent. Danke! J“

Wir plaudern über das Feedback und was das mit „lessons learned“ und „nachhaltiger Entwicklung“ zu tun hat. Dann meldet sich eine Teilnehmerin zu Wort: „Herr Nathusius, uns ist aufgefallen, dass Sie sich auch sehr mit uns als Menschen beschäftigen und nicht nur den Unterricht halten. Jetzt, wo wir Ihnen ein Feedback gegeben haben, hätte ich auch gerne ein Feedback von Ihnen!“ Alle anderen finden die Aufforderung Klasse und schließen sich ihr sofort an. Selbst die beiden sonst sehr ruhigen Damen aus der letzten Reihe hinten links, die immer mit sehr guten Antworten überzeugen, aber leider nur sehr wenig am Unterricht teilnehmen, machen mit. Die Frage freut mich sehr, denn sie zeugt von einer guten Beziehung, die wir in den fünf Unterrichtstagen aufgebaut haben, und von Vertrauen. Also gebe ich allen ein persönliches Feedback und wir unterhalten uns dabei über Persönlichkeits-Analysen. „Woher wissen Sie das alles“ bringt eine Teilnehmerin ihr Erstaunen zum Ausdruck, „wir haben doch nur kurz bei Ihnen Unterricht gehabt?“. Alle sind verblüfft, wie fundiert meine Rückmeldungen sind. Meistens stimmen sie mir zu.

Für mich ist das ein toller Abschluss und ein sehr schönes Kompliment. Es ist mir wichtig, die Menschen zu erreichen. Ich bin davon überzeugt, dass man nur sinnvoll Wissen vermitteln und nachhaltig verankern kann, wenn eine Beziehung zu den TeilnehmerInnen besteht. Ich wünsche allen viel Glück und noch mehr Erfolg bei ihren Prüfungen. Ich biete ihnen an, dass sie sich bei mir melden, wenn sie Unterstützung in der Vorbereitung ihrer Prüfungen haben oder später mal im Berufsleben. Vielleicht sogar als Projektleiter!? Einige freuen sich über das Angebot. Ich würde mich noch mehr freuen, wenn sich jemand wirklich meldet.

 

Wie der Lehrgang WGL02 vor 1,5 Jahren begann

Seit Anfang 2014 unterrichte ich an der IHK Pfalz in Ludwigshafen im Lehrgang „Geprüfte Technische Betriebswirte“ das Thema „Organisationsentwicklung“. Der nächste Unterricht beginnt im Oktober. Im Lehrgang „Geprüfte Fachwirte im Gesundheits- und Sozialwesen“ bin ich – in drei parallelen Lehrgängen – Dozent zum Thema „Projekt Management“.

Der Unterricht macht unglaublich viel Spaß. Mehr als 20 wissbegierige angehende Fachwirte sitzen mir gegenüber. Es handelt sich größtenteils um Frauen, in jedem Lehrgang gibt es „nur“ zwei/drei Männer. Daher verwende ich im weiteren Text die weibliche Form und meine damit auch die männlichen Teilnehmer. Ich möchte zu den Teilnehmerinnen möglichst umgehend eine solide Beziehung aufbauen. Also überrasche ich die Teilnehmerinnen bei meiner ersten Unterrichtseinheit mit einer Kennenlern-Runde in einem gesondert dafür vorbereiteten Raum mit Stuhlkreis. Ich frage einzeln:

  • Was sollte ich von Ihnen wissen?
  • Warum machen Sie die Weiterbildung?
  • Welche Ziele haben Sie sich für die Weiterbildung gesteckt?

Jede Teilnehmerin hat zwei Minuten für ihre Angaben, eine Freiwillige stoppt die Zeit. Während die Teilnehmerinnen antworten, ergeben sich oft Gelegenheiten, über mich und meine eigenen Erfahrungen zu erzählen.


Eine Folie aus dem Unterricht

Wir beginnen also sofort mit einer praktischen Übung: Wie stellt ein Projektleiter einen ersten Kontakt zu seinem Projektteam her und wie gut halten sich die Teammitglieder an zeitliche Vorgaben? Gleichzeitig lerne ich die Teilnehmerinnen besser kennen, kann mir einen Eindruck von der Gruppe machen und testen, wie sie auf bestimmte Situationen reagieren. Außerdem kann ich feststellen, wie stark die Themen Karriere, Führung und Projektleitung in der Lerngruppe vertreten sind. Darauf richte ich dann die Schwerpunkte meines Unterrichtes „Projekt Management“ aus.

Zum Abschluss der Kennenlern-Runde lade ich die Teilnehmerinnen dazu ein, ihre aktuelle Weiterbildung als eigenes Projekt zu verstehen. Dazu stelle ich Ihnen einen vorgefertigten groben Projektplan zur Verfügung. Wenn sie 14 Parameter eingetragen haben, berechnet der Plan automatisch die (Gesamt-)Kosten und alle Zeitaufwände. Anfangs ist die Begeisterung groß. Der theoretische Unterricht bekommt so eine praktische, ja sogar eine persönliche Note. Später sinkt die Begeisterung insbesondere bei denen, die keine Projektleitung anstreben, denn die Pflege des Planes kostet Zeit.

Bis es so weit ist, stiftet der Projektplan viel Nutzen. Anhand des Planes über die eigene Weiterbildung kann ich immer wieder die theoretischen Inhalte darstellen. Wann endet die Phase der Projektplanung, also die Planung meiner Weiterbildung? Wann waren noch einmal die Meilensteine „Mündliche Prüfung“ und „Schriftliche Prüfung“ und wie laufen diese konkret ab? Welche Noten wollte ich als Ziel erreichen und wie schaffe ich das? Womit endet das Projekt, mit der Zeugnisübergabe? Vielen Teilnehmerinnen fällt die Aufnahme der unbekannten Theorie dadurch viel leichter.


Wie geht man mit Projektrisiken um?

Im September beginnt der vierte Lehrgang WGL04. Dann werde ich in meinem News-Blog über den Umfang der Theorie berichten. Und Anfang Oktober endet der derzeit parallel zu WGL02 laufende Lehrgang WGL03. Dann erzähle ich in einem weiteren Beitrag über mein Vorgehen während der Unterrichtstunden.

Wollen Sie mehr über den Unterricht oder die Führungskräfteentwicklung der NATHUSIUS GmbH erfahren: Eine kurze Mail genügt (info@nathusius-optimierung.de). Wenn Sie mehr über die Unternehmensberatung und eine Unternehmensoptimierung in Mali wissen wollen, lesen Sie am besten die anderen Beiträge in meinem News-Blog.